Gestern jährte sich zum 20ten Mal das legendäre Montagsgebet, dessen nachfolgende Demonstration friedlich das DDR System in seine Grenzen verwies, bzw. dessen Grenzen sprengte, wie der 9.November zeigen sollte. Die Montagsgebete und - demonstrationen wuchsen in diesen vier Wochen von Höhepunkt zu Höhepunkt. Am Montag VOR dem Mauerfall demonstrierten mehr als 300 000 Menschen. Nahezu alle Kirchen der Leipziger Innenstadt waren Montag für Montag wegen Überfüllung geschlossen. Überfüllung begann erst, als die Tür nicht mehr nach innen zu öffnen ging.
Am 9. Oktober 1989 warteten meine Mutter, meine Geschwister und ich bangend auf die Rückkehr meines Vaters und seiner Freunde aus Leipzig. Was würde geschehen? Wir hatten noch das blutbeschmierte Hemd und das geschockte Gesicht unseres Nachbarn vor Augen, der zwei Tage vorher am 7.Oktober mit ansehen und erleben musste, wie die Staatsgewalt sich scheinbar in der unselige Tradition von 1953-PragerFrühlung-"Platz des himmischen Friedens" '89 bewegen sollte. Die Drohung des örtlichen Kampfgruppen-Vorstandes klang nach: "Gebt und zwei Hundertschaften und der Spuk ist aus."
Die Demonstranten des 7. Oktobers, des 40. Jahrestages der DDR wurden geschlagen, abgeführt, abgestraft. Und der Staat drohte an, "mit der Waffe in der Hand", an diesem Montag. den 9.Oktober, der "Konterrevolution" ein Ende bereiten zu wollen. Und trotzdem - und gerade deshalb! - brachten zwei Tage später 70 000 Menschen unabhängig voneinander, ohne Aufruf und ohne mediale Organisation die Courage, den Mut, die Hoffnung auf, sich diesem schussbereiten Armeestaat entgegenzustellen: mit Gebeten, mit Kerzen, mit allem, was sie hatten - ihrem Leben. Das mag pathetisch klingen. Und doch war es so. Der 9.Oktober 1989 war eben kein harmloser Feierabendspaziergang, keine "niedliche" Revolution, keine DGB-Kundgebung, kein Gutmenschen-Marsch.

1989. Quelle: http://www.bpb.de/popup/popup_bild.html?guid=JACL9D
Wie unglaublich, dass dieses marxistische DDR-System auf dem Weg zum Karl-Marx-Platz zum fallen kam. Begonnen hatte der Weg heraus aus der Nikolaikirche. Nikolai, der Name bedeutet: "Sieger ist das Volk". Ebenso unglaublich, dass ein Pfarrer Namens "Führer" zu einer der Ikonen dieser friedlichen Revolution wurde. Die dann eben zum Fall der Mauer, ausgerechnet am 9.November führte. Der 9. Oktober schenkte unserer Geschichte ganz neue Facetten, Facetten der Freiheit und der Hoffnung.
Die darauf folgenden Montage fuhren meine Eltern und ich fast jedes mal bis zur Wahl im März 1990 zu den Friedensgebeten und zu den Demonstrationen nach Leipzig. Das Bewusstsein, dass Gott sowohl auf der Strasse, als auch in der Kirche zu finden ist, das Gebet aktiv ist - sein muss!, das Freiheit, Freiheit für die Gemeinschaft und durch die Gemeinschaft ist, das Systeme, die ungerecht gegenüber Menschen handeln, auch Gott beleidigen und deshalb nicht bleiben dürfen, wie sie sind, das sind meine Lebenslektionen aus diesem 9. Oktober. Die auch heute noch gültig sind! Denn dieser 9. Oktober ist tatsächlich noch nicht zu Ende. Wie es auch Werner Schulz gestern in seiner fulminanten Rede aussprach:
"Die Revolution geht weiter. Denn noch immer ist ihr Ruf „Wir sind das Volk“ – der Anspruch nach direkter Demokratie und Mitbestimmung nicht erfüllt. [...] Das Vermächtnis der friedlichen Revolution gehört nicht ins Museum. Wir waren nicht das Volk – sondern wir sind das Volk."
Eine westdeutsche "Wende-Folklore" brauchen wir genauso wenig, wie die "Ostalgie-Welle" auf der anderen Seite. Gebet ist immer noch DER Ort Veränderung zu wagen IN diese Welt hinein - über den "Umweg" Gott. Es ist nicht Refugium der Weltflucht. Mindestens für mich wird es Zeit, sich dessen wieder bewusst zu werden.
2009. Quelle und Rechte: http://www.mdr.de/I/6761094.jpg
Hier ein paar Links, die diesen 9.Oktober lebendig halten sollen:
Christian Führer zum 9. Oktober 1989 - bewegendes und erhellendes 8 min Interview.
Eine Revolutionsrede von Werner Schulz, zur 20 Jährigen Erinnerung: Zum lesen. Und (besser) hören. Und noch besser: sehen.
9. Oktober 2009 - Werner Schulz from DieGrünen Leipzig on Vimeo.
Eine Montagsdemo-Protokoll. Der 16. Oktober 1989.
Erzählt es euren Kindern! 20 Jahre danach: Das Lichterfest 9.Oktober 2009.

Danke für den Bericht. Ich bereue es nicht dabei gewesen zu sein!
Kommentiert von: Martin | 10. Oktober 09 um 15:26 Uhr