Peter Aschoff macht in seinem aktuellen Post einige interessante Beobachtung zur Rolle von Werten. Geht man mit "Werten" in Führung? Oder ist eher das Gegenteil der Fall? Sind es nicht eher
"feste Praktiken und Traditionen, die Menschen Halt geben, auch wenn sie deren Sinn nicht immer verstehen oder die mittel- und langfristigen Wirkungen gar nicht abschätzen können"?
Ich mag ja solche Ansätze! Denn an dem Punkt werden wir herausgefordert, nicht nur ideologisch "Theologie zutreiben", sondern Gesellschaft und Kirche zu gestalten.
Als ich vor einiger Zeit mit einem jungen Juden über die Unterschiede zw. Juden- und Christentum sprach, erklärte er mir die Rolle des Gesetzes auf eben die Art und Weise, wie Peter es oben ansprach. Sinngemäß: "Wir Juden glauben nicht, dass das Gesetz selbst uns rettet. Aber, durch das Praktizieren und Umsetzen des Gesetzes, wird unser Inneres gelehrt und geprägt. So werde ich von Gott verändert. Durch diesen Weg Gottes, werde ich verändert." Er sah also die Thora nicht primär als religiöses, weltfremdes Gesetzbuch an, sondern als Gottes Gnadengeschenk seinen Alltag zu meistern.
Was er sagte, meinte er ebenso aufs Leben bezogen, wie er es dogmatisch-theologisch meinte. Viele Christen, so mein Eindruck, äußern uns dagegen fast nur negativ über das Gesetz, da wir viele Äußerungen dazu eben nur dogmatisch und theoretisch verstehen. Nach dem Motto: "Jesus möchte ein neues Gesetz in unser Herz schreiben und durch Gnade und nicht Gesetz sind wir gerettet." Missverstehen oder ignorieren wir etwa die Differenzierung Jesu und Paulus gegenüber dem Gesetz?
Nur zwei kurze Beispiele. (Das Thema ist komplexer, klar!) Wenn Paulus sagt, dass Gesetz ist gut, richtig und heilig (Röm 7,12; 1.Tim 1,8), wenn Jesus davon spricht, dass kein Stückchen des Gesetzes ungültig wird, wir dem ebenso gerecht werden sollen, wie die strengen Pharisäer (Mat 5,17), dann sprechen beide doch sehr lebenspraktisch, und nicht vorwiegend dogmatisch.
Weisen sie mit diesen Äußerungen dem Gesetz nicht gerade einen Maßstab als Lebenspraxis, als haltgebende Überlebenstradition zu? Legen sie damit nicht gerade eine Basis für eine Lebenspraxis - bzw. setzen sie die jüdische Praxis fort!! - mit der wir Leben und Alltag und Gesellschaft gestalten können?
Die beste Dogmatik, die beste Theorie, die besten Werte taugen nicht viel, wenn sie nicht im Alltag gelebt werden können. Indem wir den Äußerungen Jesu immer nur eine theologisch-dogmatische, eine über- und nachweltliche, eine ideelle Dimension zuweisen, reißen wir Jesus ja aus unserem alltäglichen Leben heraus.
Noch eine Frage: Ist der Weg Jesu ein Anti-Weg, gegenüber dem "Weg der Thora"? Nein, Jesus selbst sieht sich als den neuen Weg, als Fortsetzung dessen, was Mose angedeutet & angefangen hat. Er ist der Erfüller des Weges, der uns den begonnenen zu Ende führen lassen will. Das erste Testament ist Lebensanweisung, nicht religiöses Spezialistentum. Das zweite Testament genauso.
Leben soll möglich gemacht werden - im alltäglichsten Alltag. Dazu brauch es "feste Praktiken und Traditionen," auch wenn wir deren "Sinn nicht immer verstehen oder die mittel- und langfristigen Wirkungen gar nicht abschätzen können". Dazu braucht es auch denjenigen in uns, der uns befähigt das Gute nicht nur zu wissen, sondern auch zu leben und umzusetzen.
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